Über fotografische Reduktion – UPDATE
Ich fotografiere seit über vierzig Jahren. Wenn ich heute darüber nachdenke, hat sich in dieser Zeit vieles verändert – Kameras, Technik, Möglichkeiten. Aber vor allem hat sich mein Blick verändert. Wie wahrscheinlich vielen Fotografen ging es mir am Anfang ausschließlich um das Bild, also um Motive, Kompositionen und um Technik. Ich wollte etwas „Gutes“ fotografieren, vielleicht auch etwas Besonderes. Die Kamera war dabei oft ein Werkzeug, um die Welt festzuhalten.
Diese Herangehensweise hat sich im Laufe der Jahre deutlich verschoben. Mich interessiert heute weniger das spektakuläre Motiv. Ich suche eher die stillen Bilder und ich merke immer stärker, dass ich beim Fotografieren langsamer werden möchte. Reduktion ist für mich deshalb keine Einschränkung, sondern eine Haltung.
In der Praxis führt das dazu, dass ich nicht möglichst viele Motive zu finden versuche, wenn ich unterwegs bin. Stattdessen versuche ich eher, zur Ruhe zu kommen, zu beobachten und irgendwann Dinge zu sehen, die mir vorher vielleicht entgangen wären. Oft sind das einfache, vielleicht sogar unscheinbare Motive wie ein einzelner Baum im Nebel oder Eine Linie im Wasser oder eine verwitterte Struktur im Holz. Gerade diese Einfachheit hat eine besondere Kraft.
Mein Verhältnis zur Technik
Bei dieser Herangehensweise hat sich auch mein Verhältnis zur Technik verändert. Früher hatte ich – wie viele Fotografen – das Gefühl, dass man immer noch etwas braucht: ein weiteres Objektiv, ein spezielles Zubehör, vielleicht noch ein Blitz oder irgendein anderes Stück Ausrüstung. Meine "alte" Nikon-Ausrüstung (die immer noch einen sehr guten Job macht!) hat Zoom- und Festbrennweiten zwischen 12 und 500 Millimeter mit unterschiedlichsten Lichtstärken, die Sammlung umfasst diverse Aufsteckblitze, Filter und allen möglichen technischen Kram, der das Fotografieren vermeintlich einfacher und die Fotos ebenso vermeintlich besser macht.
Aber mal ehrlich: braucht man das wirklich alles? Reicht nicht (zumindest in den meisten Fällen) eine Kamera und ein Objektiv? Nimmt nicht diese Einfachheit eine Menge Entscheidungen aus dem Prozess heraus? Macht es nicht Sinn, sich weniger mit Ausrüstung und stattdessen mehr mit dem Sehen zu beschäftigen? Ist es nicht befreiend, wenn man nicht ständig darüber nachdenkt, welches Objektiv jetzt das richtige wäre oder ob man noch etwas anderes ausprobieren könnte?
Was die Wabi-Sabi-Philosophie damit zu tun hat
Ich fühle mich der Wabi-Sabi-Philosophie sehr nah. Sie beschreibt eine Schönheit, die im Unvollkommenen, im Vergänglichen und im Stillen liegt. Genau diese Stimmung versuche ich zunehmend öfter auch in meinen Bildern zu finden. In diesem Sinne entstehen Bilder weniger aus einer aktiven Suche, sondern eher aus Momenten der Aufmerksamkeit. Man entdeckt etwas, das vorher einfach Teil der Umgebung war – und plötzlich ergibt sich daraus ein Bild. Man merkt, dass Fotografie nicht nur darin besteht, Bilder zu produzieren. Sie kann auch eine Form des Sehens sein und eine Art, sich auf die Welt einzulassen.Wenn ich heute unterwegs bin, entstehen mitunter nur wenige Fotos. Denn die interessantesten Bilder entstehen oft nicht im Trubel – sondern in der Stille zwischen zwei Aufnahmen.
Werkzeug als Haltung – Warum die Kamera eine Rolle spielt
Fotografische Reduktion beginnt allerdings, so glaube ich, trotz allem nicht erst im Bild, sondern oft schon bei der Wahl des Werkzeugs. Meine Entscheidung, mich beim Fotografieren viel mehr als früher auf eine Messsucherkamera (Leica M11) und oft nur auf eine einzige Brennweite zu konzentrieren, ist kein Zufall und auch keine technische Vorliebe im klassischen Sinne. Sie ist Teil des fotografischen Denkens. Diese Kamera lässt vieles nicht zu. Kein Autofokus, kein Zoom, keine Vielzahl an Optionen, die mich während des Fotografierens ablenken könnten. Was zunächst wie Einschränkung wirkt, ist in Wahrheit eine Form der Klärung. Ich werde gezwungen, Entscheidungen schon in dem Moment vor dem Auslösen zu treffen. Dadurch verlagert sich die Reduktion nach vorne. Mit einer festen Brennweite entsteht über die Zeit ein inneres Sehen. Ich weiß, wie ein Motiv wirken wird, bevor ich die Kamera ansetze. Ich bewege mich bewusster, warte länger, lasse mehr weg. Die Kamera unterstützt diese Haltung, weil sie keine Abkürzungen anbietet.
So wird das Werkzeug selbst Teil der Reduktion. Es nimmt mir Möglichkeiten – und genau darin liegt seine Stärke.


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