Ich fotografiere seit über vierzig Jahren. Wenn ich heute darüber nachdenke, hat sich in dieser Zeit vieles verändert – Kameras, Technik, Möglichkeiten. Aber vor allem hat sich mein Blick verändert. Am Anfang ging es mir, wie wahrscheinlich vielen Fotografen: um das Bild. Um Motive, Komposition, Technik. Man wollte etwas „Gutes“ fotografieren, vielleicht auch etwas Besonderes. Die Kamera war dabei oft ein Werkzeug, um die Welt festzuhalten.
Mit den Jahren hat sich mein Verhältnis zur Fotografie verschoben. Heute interessiert mich weniger das spektakuläre Motiv. Ich suche eher die stillen Bilder.
Unsere visuelle Welt ist voller Reize. Überall entstehen Fotos – schnell, perfekt, jederzeit. Aber gerade diese Überfülle hat bei mir eine Gegenbewegung ausgelöst. Ich merke immer stärker, dass ich beim Fotografieren langsamer werden möchte.
Reduktion ist für mich deshalb keine Einschränkung, sondern eine Haltung.
Wenn ich draußen unterwegs bin, oft in der Natur oder irgendwo in einer stillen Landschaft, versuche ich nicht möglichst viele Motive zu finden. Ich versuche eher, zur Ruhe zu kommen. Man steht da, schaut länger hin und lässt den Blick wandern. Irgendwann beginnt man Dinge zu sehen, die einem vorher vielleicht entgangen wären.
Ein einzelner Baum im Nebel. Eine Linie im Wasser. Eine verwitterte Struktur im Holz.
Es sind einfache Motive. Vielleicht sogar unscheinbare. Aber gerade diese Einfachheit hat eine besondere Kraft.
Mit dieser Veränderung hat sich auch mein Verhältnis zur Technik verändert. Früher hatte ich – wie viele Fotografen – das Gefühl, dass man immer noch etwas braucht: ein weiteres Objektiv, ein spezielles Zubehör, vielleicht noch ein Blitz oder irgendein anderes Stück Ausrüstung.
Heute sehe ich das anders.
Je länger ich fotografiere, desto weniger Technik brauche ich eigentlich. Oft reicht eine Kamera und ein Objektiv. Mehr nicht. Diese Einfachheit nimmt eine Menge Entscheidungen aus dem Prozess heraus. Man beschäftigt sich weniger mit Ausrüstung – und mehr mit dem Sehen.
Das ist befreiend.
Wenn man nicht ständig darüber nachdenkt, welches Objektiv jetzt das richtige wäre oder ob man noch etwas anderes ausprobieren könnte, richtet sich der Blick automatisch stärker auf das Motiv selbst.
In solchen Momenten fühle ich mich auch der Wabi-Sabi-Philosophie sehr nah. Sie beschreibt eine Schönheit, die im Unvollkommenen, im Vergänglichen und im Stillen liegt. Genau diese Stimmung versuche ich auch in meinen Bildern zu finden.
Ein Foto muss für mich nicht laut sein. Es darf leise sein. Offen. Vielleicht sogar ein wenig rätselhaft.
Ich glaube, dass viele meiner Bilder weniger aus einer aktiven Suche entstehen, sondern eher aus einem Moment der Aufmerksamkeit. Man entdeckt etwas, das vorher einfach Teil der Umgebung war – und plötzlich ergibt sich daraus ein Bild.
Reduktion bedeutet für mich heute vor allem: weniger Ablenkung.
Weniger Technik. Weniger Motive. Weniger Bilder.
Stattdessen mehr Zeit für den Moment.
Vielleicht liegt darin auch eine Erfahrung, die mit den Jahren kommt. Man merkt, dass Fotografie nicht nur darin besteht, Bilder zu produzieren. Sie kann auch eine Form des Sehens sein. Eine Art, sich auf die Welt einzulassen.
Wenn ich heute unterwegs bin, entstehen oft nur wenige Fotos. Aber manchmal ist darunter ein Bild, das genau diese Ruhe trägt.
Und dann weiß ich: Es hat sich gelohnt, langsamer zu werden.
Denn die interessantesten Bilder entstehen oft nicht im Trubel – sondern in der Stille zwischen zwei Aufnahmen.

