Zwischen Perfektion und Erlebnis

23. April 2026

Was Peter Lindbergh mit Z8+85 und M11+35+50 zu tun hat

Ich habe hier ja schon öfter über fotografische Reduktion geschrieben, meist im Zusammenhang mit Bildgestaltung, mit dem Weglassen von Elementen, mit Ruhe im Bild und der Konzentration auf das Wesentliche. Vor einigen Tagen ist mir jedoch wieder einmal klar geworden, dass diese Form der Reduktion viel früher beginnt – nicht erst im fertigen Bild, sondern bereits im Moment des Fotografierens und, vielleicht noch entscheidender, in der Art des Werkzeugs, das man verwendet.

Ich war für einen Portrait-Workshop unter der Leitung von Mario Dirks in der Kokerei Hansa, einem Ort, der mit seiner rauen, reduzierten Ästhetik seit jeher eine besondere Wirkung auf mich ausübt. Allein der Titel des Workshops war schon ein Versprechen: „Fotografieren wie Peter Lindbergh“. Lindbergh begleitet mich fotografisch schon lange. Nicht im Sinne eines Vorbilds, das man kopiert, sondern eher als Haltung, die einen prägt. Die radikale Konzentration auf den Menschen, das Weglassen von Inszenierung, das Vertrauen in Natürlichkeit und Präsenz – all das hat mich immer fasziniert. Seine Bilder sind oft reduziert, aber nie leer; sie sind einfach, aber nicht simpel. Vielleicht liegt genau darin ihre Kraft: Sie erklären nichts, sie lassen geschehen. (Mehr zu Lindbergh gibt es hier.)

Drei Models – drei Sets

Der Workshop selbst war entsprechend angelegt. Drei Models, drei Sets in der Maschinenhalle – jede Situation anders, jede mit ihrem eigenen Rhythmus aus Licht, Raum und Bewegung. Kein überladener Aufbau, keine Effekthascherei, sondern eine Bühne, die genug Raum ließ für das, worauf es ankommt: Ausdruck, Haltung, Augenblicke. Dass dieser Rahmen so gut funktioniert hat, lag nicht zuletzt an Mario Dirks und seinem Team, die den Workshop wie immer ruhig, aufmerksam und mit viel Gespür für die Situation geleitet haben. Alles auf dem Workshop wirkte leicht, easy – und im besten Sinne „ungeplant“, was bekanntlich nur durch richtig gute Planung möglich ist. Es ist genau diese unaufgeregte Art, die Raum schafft – für Konzentration, für eigene Bilder, für das, was zwischen Fotograf und Motiv entsteht.

Kameras, die unterschiedlicher kaum sein könnten

Ich hatte zwei Kameras dabei, die unterschiedlicher kaum sein könnten: die Nikon Z8 mit einem 85mm Objektiv und die Leica M11, bestückt mit 35mm und 50mm. Was dann geschah, war auf den ersten Blick wenig überraschend. Die Nikon lieferte genau das, was man von einer modernen Kamera dieser Klasse erwartet: gestochen scharfe Portraits, präzise gesetzter Fokus dank Augen-Autofokus, eine hohe Trefferquote und eine technische Qualität, die kaum Wünsche offenlässt. Es sind Bilder entstanden, die man ohne Zögern zeigen kann, vielleicht sogar zeigen sollte, weil sie all das erfüllen, was heute als gute Portraitfotografie gilt.

Und dennoch blieb da eine Distanz – nicht zu den Bildern selbst, sondern zu dem Prozess, durch den sie entstanden sind. Das Fotografieren fühlte sich kontrolliert an, effizient, fast schon selbstverständlich, als würde ein Großteil der Entscheidung bereits von der Kamera übernommen.

Mit der Leica war die Erfahrung eine andere. Das manuelle Fokussieren, die Bewegung im Motiv, die begrenzte Zeit – all das führte dazu, dass viele Bilder unscharf wurden, einige verwackelt, andere schlicht nicht funktionierten. Objektiv betrachtet war die Ausbeute deutlich geringer, und doch war ich in diesen Momenten präsenter, näher am Geschehen, stärker eingebunden in das, was vor mir passierte. Ich musste Entscheidungen treffen, mich positionieren, den richtigen Augenblick antizipieren, statt mich darauf zu verlassen, dass die Technik ihn für mich einfängt.

Beim späteren Durchsehen der Bilder wurde dieser Unterschied noch deutlicher. Die Aufnahmen der Nikon waren in nahezu jeder Hinsicht „besser“ – sauberer, klarer, verlässlicher. Die Bilder der Leica hingegen wirkten näher, nicht im technischen, sondern im emotionalen Sinn, als hätten sie mehr von dem Moment bewahrt, in dem sie entstanden sind.

Vielleicht liegt genau hier ein Aspekt fotografischer Reduktion, den ich lange unterschätzt habe. Es geht nicht nur darum, im Bild etwas wegzulassen, Linien zu ordnen oder Flächen zu beruhigen, sondern auch darum, das zu reduzieren, was zwischen dem Fotografen und dem Bild steht. Die Nikon Z8 nimmt mir viele Entscheidungen ab, sie glättet den Prozess und erhöht die Sicherheit, während die Leica M11 genau das Gegenteil tut: Sie konfrontiert mich mit der Situation, mit meinem Blick und auch mit meiner Unsicherheit.

Am Ende hatte ich zwei Kameras dabei, mit der einen habe ich Bilder gemacht, die ich zeigen kann, mit der anderen Bilder, die ich erinnere – und vielleicht ist genau das die stillste und zugleich ehrlichste Form fotografischer Reduktion: nicht weniger im Bild zu zeigen, sondern weniger zwischen sich und das Bild zu stellen.

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