Der Herkules von Gelsenkirchen

27. April 2021

Der Herkules von Gelsenkirchen

Das ist ja so eine Sache mit der Kunst im Ruhrgebiet. Über Jahrzehnte war dieses Fleckchen Erde geprägt vom Images der Maloche, von Schornsteinen und Halden, von Qualm und Dreck. Kunst war eher einem kleineren Kreis der Bewohner vorbehalten, Kultur fand, wenn überhaupt, regelmäßig nicht öffentlich statt, sondern hinter verschlossenen Türen: in Museen und Galerien, in Theatern und Opern sowie hängend an Wänden in privaten Wohnzimmern.

Diese Situation hat sich nach der Kohlekrise mit dem Zechensterben und der Schließung von Hochöfen in den 70er- und 80er-Jahren des vorigen Jahrhunderts wahrnehmbar geändert. Kunst ist auf einmal sichtbar geworden, sie steht in Form von Skulpturen in Fußgängerzonen oder als Landmarke auf ehemaligen Halden, auch fanden und finden Kunst-Happenings unter freiem Himmel statt. Wie alles was neu und fremd ist, wurden diese Aktivitäten aber durchaus auch kritisch beäugt: die breite Masse war es im Ruhrgebiet einfach nicht gewohnt, sich „für so etwas“ zu interessieren, erst recht nicht, „für so etwas“ Geld auszugeben. Musste es wirklich sein, dass man für viele tausend Euro eine Skulptur in die Fußgängerzone stellt? Hätte man dafür nicht lieber in Schulen, Kindergärten oder Arbeitsplätze investieren können?

So verwunderte es nicht, dass auch der Aufbau des Herkules im Dezember 2015 schon damals kritische Stimmen hervorrief. Bis heute wird die weithin sichtbare Skulptur des Künstlers Markus Lüpertz heiß diskutiert: man liebt sie als sichtbares Zeichen eines (auch) industriellen und regionalen Strukturwandels im Ruhrgebiet – oder man lehnt sie als überflüssig, elitär und zu dominant erscheinend ab.

Fakt ist: der Herkules ist präsent. Wer durch Gelsenkirchen oder über die A42 fährt, der wird die Skulptur sehen – irgendwo in der Höhe. Sie steht auf einem ehemaligen Förderturm der früheren Zeche Nordstern im Nordsternpark im Gelsenkirchener Stadtteil Horst: 18 Meter hoch, 23 Tonnen schwer, mit seinem blauen Bart, den aufgesprühten Haaren und einem rot gefärbten Mund blickt er in die Ferne: sein überdimensionaler Kopf macht ihn zu etwas Surrealem, er besitzt nur einen Arm weil nach der Aussage von Markus Lüpertz ansonsten die Säulenwirkung der Figur verloren gegangen wäre. An einen Oberschenkel der Figur lehnt eine „Herkuleskeule“, die ihrerseits auf einer Schildkröte abgestützt ist.

Keine Frage: zumindest mich fasziniert das. Auch fotografisch. Mit unserer Kamera nähern wir uns der Skulptur vom Boden, über die Fritz-Schupp-Straße und die Straße Am Bugapark, von wo aus die Dimension des Kunstwerks gut sichtbar ist. Bei dem Versuch, uns etwas stärker auf Augenhöhe der aus 244 Einzelteilen zusammengesetzten Figur zu begeben, hilft ein wenig das oberste Stockwerk des benachbarten Parkhauses „Am Nordsternpark“. Mit einem starken Teleobjektiv (ca. 300-500 mm) lässt sich die Figur von hier aus bei gutem Vormittagslicht schräg von unten portraitieren.

Man kann dem Herkules übrigens auch ganz nah kommen: am Eingang des Förderturms, auf dem er steht, gibt es einen Fahrstuhl, der uns für sehr wenig Geld ganz nach oben auf eine Plattform führt, von der aus man nicht nur das Hinterteil des Herkules ausgiebig begutachten, sondern auch einen weiten Blick über das Ruhrgebiet genießen kann.

Zahlreiche weitere Aufnahmen der Skulptur lassen sich aus dem Nordsternpark machen, in dem der Förderturm mit dem Herkules sich befindet. Vor allem die Aussichtsplattform auf der Halde südlich der Skulptur lässt die Lüppertz‘sche Figur noch einmal in einem ganz anderen Licht erscheinen.

 

Fotografische Ausrüstung

Um den Herkules in seiner Gesamtheit inklusive des Förderturms abzulichten, benötigen wir ein Weitwinkelobjektiv, möglichst mit 35 mm oder weniger. Portraitaufnahmen lassen sich entweder vom Boden aus fertigen (allerdings regelmäßig in einem eher unvorteilhaften Winkel) oder aber – wie oben beschrieben – vom Dach des benachbarten Parkhauses. Hier empfehlen sich Brennweiten ab 200 mm, ab etwa 400 mm kann man den Kopf formatfüllend ablichten.

 

Essentials:

  • Parken: das Gelände bietet ausreichend Parkmöglichkeiten
  • Eintrittspreise: der Besuch des Geländes rund um den Herkules ist kostenlos, die Fahrt auf die Plattform für einen geringen Obolus erschwinglich
  • Dauer der Besichtigung: man sollte sich für den Gang um den Herkules mit angrenzendem Besuch des Nordsternparks sicher gut zwei Stunden Zeit nehmen.

 

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